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Über Trauer
Als ich diese Zeilen schrieb, war es fast eine ganze Woche her, dass ich meinen Kater verloren habe, dass er sein Leben verloren hat.
Bis auf verbleibende 12 Stunden war es eine Woche her.
Und ich trauere noch immer sehr um meinen geliebten kleinen Polarbär.
Ich bin gesegnet mit einer Familie und Menschen in meinem Umfeld, die mich ernst nehmen und die nie sagen würden: „Aber es ist doch nur eine Katze“.
Für mich sind Tiere Lebewesen. Und meine Tiere ganz besonders. Lebens-Wesen. 
Und das tut er jetzt nicht mehr, mein kleiner, großer Kater. Leben.
Er, der immer mit einem „Plopp“ durch die Türe kam, wenn ich sie aufmachte. Ich habe nie herausgefunden, ob er sich gegen die Türe stemmt, damit er rein“ploppen“ kann, wenn der Widerstand nachlässt, also, wenn ich sie von der Gegenseite aufmache oder ob er einfach „zündete“, sobald ich ihm auftat.


05. Januar 2022. 
Ich wusste am Anfang gar nicht, wie mir geschieht. Als ich realisiert habe, dass es er, mein Tibor ist, der da auf dem nassglänzenden Asphalt auf der Straße liegt und nicht mehr aufsteht.
Es war am Morgen der 12. und letzten Raunacht. Ich lag noch im Bett, als es um 08.00 Uhr an der Haustüre klingelte und die Tochter meiner Nachbarin vor der Türe stand. Da ahnte ich es schon.
Sie war auf dem Weg zur Arbeit und sah meinen Kater auf der Straße liegen. Immer, wirklich IMMER, fühlte ich eine Angst in mir hochkriechen, wenn ich eine Nachricht von meiner Nachbarin aufs Handy bekam. Immer befürchtete ich, dass sie mir berichten würde, dass Tibor von einem Auto erfasst worden ist.
Ich kannte ihn ja. Und ich war mir im Klaren darüber, dass mein unbedarfter Kater die Gefahr der Straße nicht erfasst hatte. 


Es war 08.00 Uhr morgens, als ich erfuhr, dass er tot war. Ich zog mich an, nahm pragmatisch eine Kiste, setzte mich ins Auto und fuhr die 20m Luftlinie zur Straße. 
In diesem Moment konnte ich nicht zu Fuß gehen. Ich wusste, ich würde ihn in meiner Kiste nach Hause transportieren müssen. Und meine Beine hätten mich, uns nicht getragen. So tief hat mich die Nachricht erschüttert.
Als ich mit ihm zuhause war, kam der Schmerz und die Trauer mit aller Kraft.
Trauer hat sehr viel Kraft. Das weiß jeder, der schon einmal etwas Geliebtes verloren hat. 
Ich habe in den Tagen nach Tibors Unfall vieles anders gemacht, als ich es früher gemacht hätte und habe. Diesmal hab ich mich nicht abgelenkt. Ich bin meinem Schmerz begegnet. 
Und ich hab ihn ausge-halten. Ich habe meinen Schmerz ge-halten. Ihm Raum gegeben.
Trauer ist ein Gefühl wie jedes andere auch. Es hat halt andere Eigenschaften als das Gefühl der Wut, das der Angst und das der Freude.
In den ersten Tagen war der Schmerz einfach überall, im ganzen Körper. Er war so groß, dass ich die ersten drei Tage nicht in der Lage war, meinen Alltag zu leben. Ich lag nur auf der Couch, unter der neuen Kuscheldecke, auf der ich Tibor so gerne liegen gesehen hätte.
Am vierten Tag habe ich begonnen, die Dinge zu tun, die ich sonst auch tue. Es war ein Samstag. Ich ging einkaufen, machte meinen Haushalt, ging eine Freundin besuchen, … Ich fühlte mich noch immer etwas gedrosselt, brach aber nicht ständig in Tränen aus.
Am fünften Tag lief es noch ein wenig flüssiger.
Ich stellte fest, dass ich immer wieder den Anflug einer Angst spürte, die Angst vor der Trauer. Und auch die hab ich zugelassen.


Meine Schwägerin bot an, dass ich mich melden könne, wenn ich Abwechslung bräuchte. Ich dankte und lehnte ab. Das gerade wollte ich nicht, mich ablenken. Die Trauer ab-lenken, weglenken. Wohin denn? Sie ist ja in mir drin. Und wo soll sie denn hingelenkt werden? Noch tiefer in mich hinein? Und da bleibt sie dann?
Meine Schwester rief an, um zu hören, wie es mir geht. Und sie bot sich zum Gespräch an. Auch das lehnte ich ab. Ich hätte mir selbst eine schöne Geschichte erzählt. Erklärungen gefunden, weshalb das jetzt wohl so ist. Dass das ja alles sicher auch einen höheren Sinn hat. Und was ich schon an positiven Erkenntnissen aus den aktuellen Geschehnissen gefunden hätte. Das ist eine meine Stärken: selbst in der größten, schwärzesten und tiefsten Scheiße finde ich immer noch die Essenz, die dem ganzen Sinn gibt. Und auch das wollte ich nicht.
Meine Mutter kam, brachte essen, wollte mich trösten. Und auch sie brachte keine Linderung.


Es war die richtige Entscheidung, mich auf meine Trauer einzulassen. Sie dasein zu lassen. 
So hat sie sich nach und nach verändert.
Der vollgefüllte Trauerkörper wurde kleiner, kühlte ab.
Aus dem heißen Gefühl in der Brust, die zerreißen wollte, wurde ein dumpfes Gefühl. Ich fühlte mich innerlich wund, ver-wund-et. Ich konnte an diesem Punkt sogar klare Grenzen ziehen. 
Tibor hatte eine Schwester, meine kleine Tilda. Das absolute Gegenteil von Tibor. Sie ist wirklich mini-mini. Tibor brachte stolze 5,1kg auf die Waage, Tilda etwa die Hälfte. Tibor war sehr präsent, Tilda war immer irgendwie auf der Flucht....
Ich kann schon sicher sagen, dass Tibor mir sehr nahe war. Ich fand ich schon ziemlich toll, eben auch durch seinen Stolz und seine Ausstrahlung. Er war sicher auch so etwas wie mein Seelen-Tier. Und das ist er sicher noch, eben auf einer anderen Ebene.
Als nun klar war, dass ich Tibor verloren hatte, hegte ich nie, niemals, nicht ein einziges Mal den Gedanken, warum es ausgerechnet ihn „getroffen“ hatte. 
Das konnte ich seltsamerweise gleich annehmen. Dass er nicht mehr da war. Ich hadere nicht damit.
Tibor ist mit einem unfassbar großen Maß an Liebe gegangen. Er hat meine Liebe mit sich genommen. Und er hat mir seine dagelassen. 
Das bedeutet für mich, dass Liebe immer da ist. Sie nimmt nie ab. Es macht mich nicht ärmer, wenn ich meine -bedingungslose- Liebe schenke. Sie wird deswegen nicht weniger.
Sicher, der Preis dafür wird so langsam offensichtlich: Trauer. Die steht nämlich in direkter Verbindung mit der Liebe. Wenn es Liebe ist, dann ist da auch Trauer. Und wenn es Trauer ist, dann ist es auch Liebe.
Hab ich jetzt Angst vor der Liebe? Nein. Jetzt nicht mehr. Ich hatte vermutlich die meiste Zeit meines Lebens Angst vor der Liebe.
Oder anders formuliert: hatte ich Angst vor der Liebe, weil ich Angst vor der Trauer habe?
Das eine ohne das andere geht nicht. Ohne Tag keine Nacht, ohne kalt kein Warm, ohne Trauer keine Liebe, so einfach ist das.
Warum wollen wir verhindern, Trauer zu fühlen? Geht es darum, dass wir die Liebe nicht spüren wollen, die augenscheinlich nicht mehr da ist? Und wenn das so ist, ist das eine angemessene Wertschätzung an die Liebe? Indem wir die entgegengesetzte Komponente unterdrücken? Verleugnen wir somit die Liebe?
Es geht hier um Dualität.
Der Prozess, der durch das Erlebnis durch Tibor angestoßen wurde, hat viele Fragen aufgeworfen. Und ich habe das Gefühl, dass darin, bzw. in den Antworten, die ich darauf finden werde, wichtige Erkenntnisse stecken.
So betrachtet, hab ich die Essenz vermutlich schon gefunden, die in dieser (Scheiße will ich sie hier gar nicht mehr nennen – denn sobald die Essenz gefunden ist, wird Scheiße zum Geschenk) Herausforderung steckt.


Danke, Tibor! Du wurdest hier sehr geliebt und ich vermisse Dich.